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Deutschland–Archiv. 2006. No. 1. Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Deutsch-russische Historikerkonferenz in Moskau, 28.-30. Oktober 2005. Marc-Dietrich Ohse, Hannover

Wenn heutzutage in einem wissenschaftlichen Beitrag von der «politisch herrschenden Klasse in Deutsch¬land» die Rede ist (so geschehen in Moskau), dann wird in etwa erkennbar, welch lang anhaltende Prae¬gung die ideologische Indoktrination in den einst sozialistischen Bildungs- und Wissenschaftssystemen hinterlassen hat. Der Abbau solcher ideologisch be¬gruendeten Vorbehalte war neben dem wissenschaft¬lichen Austausch eines der wesentlichen Ziele einer Konferenz zu deutsch-russischen Perspektiven auf die deutsche Nachkriegsgeschichte Deutschlands, die Ende Oktober im wenige Monate zuvor eroeffneten Deutschen Historischen Institut (DHI) Moskau statt¬fand. Ihr Zustandekommen ist vor allem der Initiative von Alexander Vatlin, Sprecher der Arbeitsgruppe zur Erforschung der deutschen Zeitgeschichte in Russland, unterstuetzt von Tatiana Timofeeva (beide Moskau), und Manfred Wilke (Berlin) zu verdanken.

Der Direktor des DHI, Bernd Bonwetsch, unter¬strich, wie notwendig der Austausch zwischen russi¬schen und deutschen (Zeit-)Historikern sei. So habe der Generationswechsel unter den russischen Histori¬kern zwar das Pathos relativiert, mit dem die Kriegs¬teilnehmer unter ihnen den «Grossen Vaterlaendischen Krieg» und seine Folgen betrachtet haetten, das Ge¬schichtsbild aber noch nicht grundsaetzlich revidiert. Dies war im Laufe der Tagung ebenso unverkennbar wie das grosse Beduerfnis der russischen Teilnehmer nach einem offenen Meinungsaustausch.

Das inhaltliche Spektrum der Konferenz, das hier nur in Ausschnitten abgebildet werden kann, reich¬te von den Folgen des Zweiten Weltkriegs ueber die friedliche Revolution in der DDR bis zur Aussenpolitik des vereinigten Deutschlands und schloss die Archiv¬landschaft in Deutschland und Russland ebenso ein wie intellektuelle Diskurse nach 1945 und aktuelle Geschichtsdebatten. Ein solcher Diskurs, namentlich der um Vertriebene und Vertreibungen, war in der ersten Sektion zu den «Kriegsfolgen» Gegenstand der Ausfuehrungen von Ute Schmidt (Berlin) und Sergej Kretinin (Woronesch). Waehrend Schmidt Daten und Fakten zu den Kriegsopfern und zu Gebietsverschie¬bungen seit 1945 praesentierte und die Auseinandersetzungen mit dem Thema Vertreibungen in Deutschland skizzierte, umriss Kretinin, dass Vertreibungen in Russland erst seit der Perestroika diskutiert wuerden. Dabei habe das Interesse bislang nahezu ausschliess¬lich den Deportationen im Sowjetimperium der Stalin¬zeit gegolten. Kretenin erinnerte an das persoenliche Schicksal der Vertreibungsopfer, die er als «Geiseln der «grossen Politik» bezeichnete, und forderte - auch mit Blick auf aktuelle ethnische Konflikte - eine verstaerkte Auseinandersetzung der Wissenschaft mit der Geschichte von Minderheiten.

Die Staerke der Oral History bei der Aufarbeitung sozialer und mentaler Verarbeitung von Geschichte betonten Klaus Tenfelde (Bochum) mit Blick auf die Aufarbeitung der Geschichte von Zwangsarbeitern im nationalsozialistischen Deutschland und Alexander von Plato (Luedenscheid) in seinem Beitrag zur Biografieforschung am Beispiel der Entnazifizierung. So seien Nationalsozialismus und Nachkriegsgeschichte nicht auf das physische, statistisch erfassbare Indivi¬duum zu reduzieren, vielmehr habe dessen Faehigkeit zum mentalen Wandel wesentlich zum Wiederaufbau in Ost und West beigetragen - so von Plato. Dabei habe die Entnazifizierung wichtige «Einverstaendnis¬bruecken» unter den belasteten Deutschen geschaffen, die sich aber nicht in einer (durchaus ambivalenten) Distanz zu NS, Krieg und Menschheitsverbrechen erschoepften, sondern auch die Bereitschaft zu einem demokratischen Neuanfang einschlossen.

Die Schwierigkeiten der sowjetischen Besatzungspolitik in Deutschland schilderte Roman Boldyrev (Archangelsk), wobei er sich auf die wirtschafts- und bevoelkerungspolitischen Probleme konzentrierte. Boldyrev behauptete, dass die autoritaere Politik der So¬wjetischen Militaeradministration (SMAD) lediglich eine Folge der Anarchie nach dem Krieg gewesen sei und verwies auf anfaengliche Analogien der Besatzung in den Westzonen. Grundsaetzlich haetten die sowjeti¬schen Besatzer keine «boeswillige Politik» in Deutsch¬land verfolgt - eine These, die in der Diskussion von den deutschen Teilnehmern scharf zurueckgewiesen wurde und die in Teilen auch den anschliessenden Ausfuehrungen von Natalia Timofeeva (Woronesch) zu Intentionen und Praxis der SMAD-Politik in Kultur, Wissenschaft und Bildung widersprach. Deren Ziel sei die «vollstaendige Kontrolle ueber die oeffentliche Kom¬munikation» und die Umgestaltung der ostdeutschen Kultur- und Bildungslandschaft nach sowjetischem Vorbild gewesen. Vor allem aber sei es darum gegan¬gen, eine Integration Ostdeutschlands «in die Welt der westlichen Demokratie auszuschliessen». Diese Ansicht unterstrich Michael Kubina (Berlin), der die Etablierung der SED-Herrschaft weitgehend auf Vor¬gaben und die Unterstuetzung durch Moskau zurueck¬fuehrte. Zwar sei es gelungen, die aus der Zwangsver¬einigung von KPD und SPD hervorgegangene SED als «Staatspartei» zu etablieren, doch sei diese von den Deutschen - auch aufgrund des verwurzelten Antibolschewismus - immer als «Okkupationspartei» und mit ihr das neue diktatorische System als «Ok¬kupationssozialismus» wahrgenommen worden. Dies habe die Legitimierung der SED-Herrschaft wesent¬lich behindert und letztlich den Misserfolg dieser Staatspolitik praejudiziert.

Deren Mechanismen waren Gegenstand der Aus¬fuehrungen von Alexej Betmakaev (Barnaul), der den Aufstieg Walter Ulbrichts - «der deutsche Lenin» - und dessen Fall skizzierte. Betmakaev unterstrich, dass Ulbricht 1945/46 umgehend ein autokratisches System etabliert habe, da er - obwohl nominell im Schatten der beiden SED-Vorsitzenden und Staatsspit¬zen, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, stehend – ueber das «kleine Sekretariat» den Parteiapparat und damit die wichigsten politischen Aemter von Anfang an kontrollieren konnte. Unterstuetzt wurde Ulbricht bald von seinem spaeteren Widersacher Erich Hone¬cker, dessen Karriere durch seine Organisation des Mauerbaus 1961 und durch die Abloesung des sowje¬tischen KP-Chefs Nikita Chruschtschow durch Leonid Breschnew erheblich befoerdert worden sei - so Thomas Kume (Moskau). Seine groessten politischen Erfolge, die Aufnahme der DDR in die UNO und die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki sowie die Uebernahme aller Spitzenaemter in Staat und Partei, markierten zugleich den Beginn vom Abstieg Honeckers, weil sowohl die aussenpolitisch bedingte formale Akzeptanz von Menschenrechten als auch die Stagnation und Repression im Inneren seine Herr¬schaft erheblich delegitimierten.

Boris Petelin (Wologda) legte dar, dass die Perestroika bei Honecker nicht nur Aengste vor einer Liberalisierung, sondern angesichts der Entwicklung in der Sowjetunion Befuerchtungen vor einem gravierenden wirtschaftlichen Verfall der DDR geweckt haette. Honeckers Besuch in der Bundesrepublik 1987 wiederum sei in Moskau ausserordentlich umstritten gewesen, zumal er Befuerchtungen vor einer kontrollierten Annaeherung zwischen den beiden deutschen Staaten geweckt habe. Dass dieser Besuch in der DDR selbst heftig diskutiert worden sei, ergaenzte Ilko-Sascha Kowalcwk (Berlin) zu Beginn seines Vertrages ueber die friedliche Revolu¬tion in der DDR. Nach einem Ueberblick ueber deren Vorgeschichte und Verlauf, strich er die Verdienste der ostdeutschen Buergerrechtsbewegung heraus. In Abgrenzung zu Francis Fukuyama hielt Kowalczuk 1989 nicht fuer das Ende, sondern den Wiederbeginn von Geschichte, seien durch die Ereignisse dieses Jahres doch die Blockgrenzen ueberwunden und damit der Kalten Krieg beendet worden. Dies wie auch die Einigung Europas sei in erster Linie ein Verdienst der ost(mittel)europaeischen Buergerrechtler gewesen. Dieser Ansicht widersprach nicht nur implizit das (in absentia vorgetragene) Referat Manfred Wilkes, worin das «unkoordinierte Zusammenspiel» von Fluchtbewegung, Opposition und revolutionaerer Massenbewe¬gung einerseits und der Bonner Politik andererseits hervorgehoben wurde. Alexander von Plato hingegen unterstrich, dass die deutsche Vereinigung und ihre unmittelbare Vorgeschichte nicht durch die Opposi¬tion in der DDR, sondern ausschliesslich durch die internationale Politik, voran die in Washington, Bonn und Moskau, bestimmt worden sei.

Aktuellen Fragen der internationalen Politik wid¬meten sich unter anderen Andrej Nikitin (Moskau) und Alexe] Sindeev (Tver). Nikitin unterstrich die Notwendigkeit, dass Deutschland sein Bemuehen, nach einem wirtschaftlichen auch zu einem (sicherheits-)politischen global player zu werden, durch eine strategische Partnerschaft mit Russland unterfuettern muesse. Gleichwohl werde Deutschland immer eine untergeordnete Rolle auf der internationalen Buehne spielen, weil es nicht ueber Nuklearwaffen verfuege. Waehrend Nikitin einen Aufstieg Deutschlands zur Atommacht schon aus innenpolitischen Gruenden fuer nicht durchsetzbar hielt, erkannte Sindeev in der Europapolitik der Bundesrepublik, die waehrend des Kalten Krieges noch einen «erzwungenen Charak¬ter» getragen habe, gar den erneuten Versuch, «die Reichsidee zu realisieren».

Welchen Einfluss unterschiedliche Zugangsmoeg¬lichkeiten zu archivalischen Quellen auf die zeithistorische Forschung haben, wurde in den Referaten von Petra Rauschenbach (Bundesarchiv Berlin) sowie von Nikita Petrov (Memorial Moskau) und Michail Prosumenschtschikov (Russisches Staatsarchiv fuer Neueste Geschichte/RGANI, Moskau) deutlich.

Die Schwierigkeiten, mit denen die russische Zeitgeschichtsforschung konfrontiert ist, wurden auch in der Abschlussdiskussion eroertert. So wird der Zugang zu aktueller internationaler Forschungsliteratur er¬heblich behindert, und nur entsprechende Zuwendun¬gen aus dem Ausland koennen hier schnelle Abhilfe schaffen. Beguenstigt der Mangel an Fachliteratur zu¬weilen eine relativ unreflektierte, wenngleich meist unbeabsichtigte Tradierung von Geschichtsbildern der Sowjetzeit oder von Fragmenten davon, so behindert auch die politische Entwicklung Russlands, dessen junge, labile Demokratie durch autokratische Ten¬denzen gefaehrdet wird, die Entfaltung der kritischen Geschichtswissenschaft dort. Insofern vermittelte die Konferenz wichtige Impulse, die nun aufgenommen werden muessen, und Kontakte, die es auszubauen gilt. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit der russisch-deutschen Nachkriegsgeschichte ist nicht nur fuer die Zeitgeschichtsforschung wesentlich, son¬dern auch fuer die politische Bildung von erheblicher Bedeutung. Sicher auch in diesem Sinne lud der Di¬rektor der Bayerischen Landeszentrale fuer politische Bildungsarbeit Peter Maerz (Muenchen) fuer 2006 zu einer Folgetagung nach Tutzing ein.